Sesshin Ohne Bleibe – was ist das?

Ohne Bleibe – unsere Praxis hat keinen festen Ort. Die meisten Dojos unserer Sangha nutzen keine fest gemieteten Räume. Für jedes Zazen wird irgendein Raum zum Dojo: die Ecke eines Kampfkunststudios, ein Musikatelier, ein Yogaraum, ein privater Keller, ein Pavillon im Park …

Unsere Sesshins folgen dem gleichen Prinzip: Räumlichkeiten im Irgendwo werden gemietet für die Tage des Sesshins. Wir praktizieren in stillgelegten Klöstern, französischen Familienfreizeitheimen, einer leerstehenden Landwirschaftsschule.

Ohne Bleibe heisst auch, dass man seinen Krempel mit sich herumschleppt. Dojoeinrichtung, Küchenutensilien, die Boutique, die Nähstube, das Kalligraphiematerial – alles muss irgendwie an den Ort ohne Bleibe. Lebensmittel werden bei einem Händler in der Nähe bestellt. Die Küche wird in Betrieb genommen.

Am Abend des Anreisetags sieht man Personen aus Autos steigen, die teilweise erstaunliche Mengen an Gepäck bei sich tragen. Koffer, ein Zafu und die dazugehörige Unterlage, Bettzeug, menche bringen ein eigenes Kopfkissen … Vor dem ersten Abendessen hat sich jede und jeder installiert. Alles ist an seinem Platz. Das Sesshin beginnt.

Gemeinsam essen, schweigend. 

Samu: Mithelfen bei der Arbeit, die nötig ist. Geschirr abwaschen, Gemüse schneiden, Toiletten putzen, Kochen, Servieren, Geld einsammeln und verbuchen. Während dem Zazen im Dojo den Kyosaku geben, das Glöckchen schlagen, das Sutra anstimmen. Morgens alle wecken, abends alle ins Bett schicken. Das Sesshin leiten. Die Unterweisung während Zazen mitschreiben, eintippen und in druckfertige Form bringen. Bücher in der Boutique verkaufen. Kaffee und Tee kochen. Putzen. Sträucher schneiden. Das Dojo am Anfang einrichten und am Ende wieder ausräumen.

All dies und mehr findet statt innerhalb der zeitlichen Struktur der Tage, die durch die Zazen-Zeiten vorgegeben sind. Im Sesshin oder an einem Zazentag gibt es in der Regel viermal am Tag Zazen: Morgens direkt nach dem Aufstehen, am späten Vormittag, am Nachmittag und am Abend. Pausen sind auch eingeplant, in denen man sich ausruhen kann. Oder mit Weggefährten, die man länger nicht gesehen hat, den Austausch pflegen. Unserer Sangha kommt ja aus ganz Europa zusammen.

Das Sesshin nimmt Fahrt auf. Am Anfang klemmt es in den Ablaufen meist noch ein wenig. Schon bald kehr Ruhe ein: äusserlich wie innerlich. Der Rhythmus der Tage und die gemeinsame Praxis trägt. Das Sitzen im Zazen wir zu einem kontinuierlichen Strom. Im Dojo ist es totenstill und quicklebendig. 100 Leute sitzen unbeweglich. Ein Traktor fährt vorbei. Eine Kirchturmuhr schlägt die Stunde.

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Niemand verdient hier Geld. Jede Aufgabe wird freiwillig übernommen. Es gibt keinen Chef. Der organsiatorische Aufwand ist enorm. Wir kommen an Orte, verwandeln sie in Tempel, räumen sie auf, putzen sie und verschwinden wieder. Es bleibt nichts zurück. Wie Wildgänse, die für einen Moment auf dem See landen und nach einer Weile weiterziehen: Sie hinterlassen keine Spuren. Sie sind ohne Bleibe.